Ich war fast noch ein Kind, als die Stadt in heller Aufregung war. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer: Eine besondere Blume, die „Königin der Nacht“, würde erblühen – doch nur für eine einzige Nacht, für kaum mehr als eine Stunde, bevor sie wieder verging. Man plante, diese außergewöhnliche Pflanze auf dem Marktplatz hinter einer großen Fensterscheibe auszustellen, damit alle das Wunder beobachten konnten.
Neugierig folgte ich dem Strom der Menschen, die sich die unscheinbare Pflanze ansahen. Ihre Knospen waren winzig, ihre Erscheinung unauffällig. Ich war enttäuscht. Warum nur so viel Wirbel um eine Blume? Sie sahen aus wie jede andere Pflanze. Überall redeten die Leute von einer Nacht, in der sie blühen würde, als wäre es ein Ereignis von überirdischer Bedeutung.
Ich fragte meine Eltern, ob ich dabei sein dürfe, wenn die Nacht der Nächte endlich kommen würde. Es schien mir unsinnig, so viel Aufmerksamkeit auf eine Blume zu richten, die nur für einen flüchtigen Moment erblüht. Aber ich war auch neugierig. Sie stimmten zu, obwohl sie wohl selbst daran zweifelten, ob mich dieses Spektakel wirklich beeindrucken würde.
In den folgenden Wochen besuchte ich die Pflanze immer wieder. Doch sie blieb unscheinbar. Ihre Knospen schienen sich kaum zu verändern, und ich fragte mich, warum man so viel Geduld für eine Pflanze aufbrachte, die nur kurz blüht, während es doch so viele Blumen gibt, die wochenlang ihre Farbenpracht zeigen. Es schien mir unlogisch, so viel Mühe für etwas so Flüchtiges zu investieren.
Als der große Tag näher rückte, wurde die Spannung in der Stadt spürbar. Die Menschen sprachen immer aufgeregter von der Blume, doch ich blieb skeptisch. Vor der Fensterscheibe dachte ich trotzig: „Das ist doch alles nur ein Märchen. Sie wird niemals blühen. Und selbst wenn, was soll daran so besonders sein?“
Ich war misstrauisch, ein Kind, das lieber seinen eigenen Augen vertraute als den Worten der Erwachsenen.
Dann kam die Nacht. Die Blume sollte erblühen, doch der Tag war lang und die Stunden vergingen zäh. Meine Augen wurden schwer, die Müdigkeit übermannte mich, und ich schlief ein. Meine Eltern ließen mich schlafen. Am nächsten Morgen, als die Sonne bereits den Markt erhellte, stürmte ich los, in der Hoffnung, sie vielleicht doch noch blühen zu sehen – oder zu entdecken, dass das alles nur ein Hirngespinst war.
Doch ich kam zu spät. Die Königin der Nacht hatte ihre Blüte bereits entfaltet und war wieder verwelkt. Vor der großen Scheibe blieb ich stehen. Traurigkeit überkam mich, die sich bald in Trotz wandelte. „Das ist alles?“, dachte ich. „Diese Blume ist farblos und zerfallen. Niemals kann sie eine Königin sein.“
Ich schaute mich um. Die Menschen, die zuvor noch fasziniert waren, waren verschwunden. Niemand blieb, um die Blume zu sehen, nachdem ihr Moment vorbei war. Nur ich stehe dort, mit einem Kloß im Hals und einer leisen Empörung im Herzen. Warum war sie jetzt, da sie nicht mehr blühte, niemandem mehr wichtig? Es war, als hätte man ihre vergängliche Schönheit vergessen, kaum dass sie vergangen war.
Die Königin der Nacht – ein Name, der mir damals übertrieben erschien. Doch mit der Zeit hat sich etwas in mir verändert. Heute beneide ich diese Pflanze. Was würde ich darum geben, für einen einzigen Moment in meinem Leben in voller Pracht zu erblühen – alle Farben zu zeigen, die in mir schlummern, und für einen Augenblick wahrhaftig gesehen zu werden.
Nur eine Nacht als Königin – in all meiner Vielfalt, in meinem ganzen Glanz. Wenn mir das gelänge, dann wüsste ich, dass ich wirklich gelebt habe.
